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Zur Erinnerung an die Bergführerin Ariane Stäubli (1986-2025)

Sophia Rubin, 09.12.2025

Ariane Stäublis Herzensangelegenheit war das Bergführen. Schon früh war sie zusammen mit ihrer Schwester in der Jugendorganisation des Schweizer Alpenclubs SAC an der Lenk im Berner Oberland in den Bergen unterwegs. Zum Geburtstag erhielt sie 12-jährig von ihren Eltern das Geschenk, mit einem Bergführer auf das Matterhorn zu steigen. Während dem Studium durchlief sie die Ausbildung zur Gebirgsspezialistin beim Militär in Andermatt. Als erste Frau in der Schweiz schloss sie diese Ausbildung erfolgreich ab und wurde somit zur Pionierin. Später als Bergführerin wurde sie zum Wachtmeister bei den Gebirgsspezialisten befördert. In dieser Funktion hat sie angehende Gebirgsspezialisten und -spezialistinnen in Andermatt ausgebildet. Abseilen in der Schöllenenschlucht, Biwakieren im Schnee inklusive Iglubauen am Oberalppass und draussen bei Minustemperaturen ohne Rauchgasvergiftung und Erfrierungserscheinungen übernachten, selbstständig Skitouren mit Gepäck für Gruppen dem Wetter und den Verhältnissen angepasst planen und führen, Bergrettung und Seiltechnik gehören unter anderem zum Repertoire der Gebirgsspezialisten. Zusammen mit dem Unteroffiziersverein Obersimmental organisierte sie an der Lenk jährlich den Zweitägeler, ein zweitägiger Winter-Gebirgs-Skilauf, bei dem Gäste wie beispielsweise die Feuerwehr-Truppe aus Paris teilnehmen. In der gleichen Zeit sammelte sie anspruchsvolle Touren und Gipfel mit Freundinnen und Freunden, um für die Bergführeraufnahmeprüfung zugelassen zu werden.

Als ich sie kennenlernte, mussten wir im Studentenhaus für die Vorstellungsrunde einen Gegenstand auswählen, der uns gut beschreibt. So ging jede in ihr Zimmer und holte etwas für sie Bedeutsames. Als ich mit einem Kletterseil in der Hand in die Stube kam und sie dort bereits mit einem Kletterseil sitzen sah, rannte ich nochmals hoch ins Zimmer und holte anstelle des Seils meine Gitarre. Sie sagte in der Vorstellungsrunde, dass sie gerne in den Bergen unterwegs ist und Bergführerin werden möchte. Das hat mich tief beeindruckt, da ich wusste, dass es damals erst rund 30 Bergführerinnen in der Schweiz gab. Es war etwa so mutig, als wenn sie gesagt hätte: «Ich möchte Bundesrätin werden». Während dem Studium durfte ich mit ihr in Zürich trainieren; Klettertraining in der Halle im Gaswerk Schlieren, danach mit dem Velo den Hügel wieder hoch bis zum Bucheggplatz in unser gemeinsames Studentenhaus. Am nächsten Tag eine Jogging-Runde runter zur Limmat bis zur Werdinsel, dann zum Hönggerberg hoch und schliesslich durch den Käferberg- und Waidberg-Wald wieder zu unserem Wohnheim. Sie hat das jeweils geschafft, ohne unterwegs einen Schluck Wasser zu trinken. Selbst auf ihren grossen Viertausender-Touren machte ihr die dünne Luft nichts aus. Sie war konditionell gleich fit wie auf 2000 Meter über Meer. Unglaublich für mich und dafür habe ich sie zeitlebens bewundert: Ihre mentale und körperliche Stärke, ihren unbändigen Willen, ihr Glaube an das Gute, Ihre Liebe zu den Bergen, zur Umwelt und zur Freiheit.

Während der Bergführer-Ausbildung hatte sie einige Rückschläge zu verkraften. Bei einer Kletterprüfung in der Ausbildung verletzte sie sich ihre Schulter so stark, dass sie die Prüfungswochen abbrechen musste. 2014, auf einer privaten Tour, rutschte sie beim Skitouren-Aufstieg aus und fiel 500 Meter an Felsen vorbei durch ein Couloir in den Schnee. Dank Kollegen aus dem Militär, die sie kannten und bereits in der Abfahrt waren, konnte rasch Hilfe durch die Rega organisiert werden. Sie war schnell wieder bei Bewusstsein. Jedoch schien ihr Knie durch eine Verdrehung ruiniert. Zuerst durften wir Angehörigen sie in Chur im Spital besuchen. Dort waren die Ärzte wenig hoffnungsvoll für ihren Traumberuf und meinten, sie könne wahrscheinlich nicht mehr laufen. Doch sie gab sich nicht geschlagen und mit ihrem Netzwerk fand sie in Winterthur im Spital einen Knie-Chirurgen, der bereit war, ihr Knie zu operieren. «Ich wusste, dass ich wieder in die Berge möchte. Denn dort bin ich am glücklichsten. Dort fühle ich mich frei. Das gab mir einen unglaubliche innere Motivation, die Rehabilitationsphase zu durchstehen.» Etwa ein halbes Jahr später während der Sommersaison durften wir sie als Freunde begleiten von der Mittelstation des Pilatus auf den Gipfel und mit der Bahn wieder runter. Die Emotionen überrollten sie. Einerseits konnte sie wieder so gut laufen, dass sie viele Höhenmeter geschafft hatte. Gleichzeitig wurde ihr bewusst, wie weit der Weg noch war, bis sie wieder prüfungsreif war. Trotz allem war es schön, sie in dieser Aufbauphase begleiten zu dürfen. Denn das Ziel Bergführerin war das, an welches wir beide fest glaubten. Und Glaube versetzt bekanntlich Berge. Nachträglich sagte Ariane: «Glücklicherweise haben mich meine Familie und Freunde beim Rehabilitations-Prozess enorm unterstützt und mein Traum, Bergführerin zu werden, wurde nach einem langen Leidensweg doch noch wahr.»

Sie schloss ihr Umweltingenieurstudium an der ETH ab, während ich mein Umweltnatur-wissenschaftsstudium beendete. Es gab so viele Gemeinsamkeiten und ähnliche Werte, so dass wir nach unseren Klettertouren in der Berghütte oder nach der Arbeit beim Spaziergang und gemeinsamen z`Nacht immerwährend Gesprächsthemen hatten. Während sie sich beruflich für Abfallvermeidung und Ressourcenschonung einsetzte, war ich im Klimaschutz tätig. Sie war neben dem Job als Umweltingenieurin und Bergführerin freiwillig bei der Klimaschutzorganisation Protect Our Winters (POW) als Botschafterin engagiert. In der Anfahrt und Rückfahrt von Touren nutzte sie den öffentlichen Verkehr. Sie sprach nicht nur über den Klimaschutz, sie lebte ihn auch vor. Die Konsequenzen des Klimawandels bekam sie in den Bergen bei der Planung und Führung von Touren direkt zu spüren. Längeres Abseilen zum Bergschrund, weil der Gletscher tiefer liegt, grössere Gefahr durch Steinschlag und damit Umwege, die in Kauf genommen werden müssen oder längere Zustiege in Schutt- und Steinwüsten. «Dies alles macht das Bergsteigen und Wandern anspruchsvoller.» Sie wappnete sich dagegen, indem sie sich in ihrem Bergführernetzwerk und auf den Hütten jeweils kurzfristig über die geänderten Bedingungen und Verhältnisse informierte. Für POW hat sie eine Gruppe Parlamentarierinnen und Parlamentarier auf einer Skitour geführt, hat ihnen gezeigt, wie sich die Alpen durch den Klimawandel verändern und sprach in der Hütte über nötige Klimapolitik.

2018 war es soweit: Ariane Stäubli erhielt als 37. Frau in der Schweiz das Patent zur Bergführerin. Über die Bergführer-Ausbildung aus Sicht von Frauen hat Caroline Fink eine Verfilmung gemacht, die im SRF-Dokumentarfilm «Frauen am Berg» 2019 erstmals ausgestrahlt wurde. Darin hat Caroline die drei Frauen Ariane Stäubli, Nadja Roth und Annina Reber porträtiert. Ariane und Nadja sind zum Zeitpunkt des Films Bergführeraspirantinnen, Annina ist bereits seit 2006 Bergführerin. Genau wie Ariane es war, ist auch Annina tätig für die Chixxs on board, eine Berg- und Outdoorschule für alle Frauen; Von Frauen, für Frauen. Neben den Bergen und der Umwelt war Ariane auch das Engagement für Frauen am Berg ein wichtiges Anliegen. Es hat sie gefreut, als die Bergführerin Rita Christen 2021 als Erste zur Präsidentin des Bergführerverbands gewählt wurde. Gleichwohl erwähnte sie oft, dass sie sich wünsche, es gäbe bald auch eine erste Expertin, die bei den Prüfungsabnahmen der Bergführer-Ausbildung dabei ist. Und dass es aus ihrer Sicht genügend gute Bergführerinnen gibt, die als Expertin geeignet wären. Denn ein solches Vorbild würde die angehenden Bergführerinnen unterstützen, so dass der Anteil von 3% Frauen im Bergführerberuf endlich markant steigen könnte. Aus Arianes Sicht müsste sich auch das Berufsbild leicht ändern, damit es mehr Frauen in diesem Beruf geben kann. «Es geht nicht darum, wie ein «Gepickter» über den Grat zu rennen und den Gast dabei hinter sich herzuziehen, sondern darum, den Gästen eine neue Welt zu eröffnen. Eine solche Tour planen und geduldig sowie einfühlsam führen, können Frauen genauso gut wie Männer.» Den Beruf der Bergführerin hat Daniela Schwegler mit Porträts über Ariane Stäubli und 11 weitere Bergführerinnen im Buch «Himmelwärts» differenziert beschrieben.

Ariane Stäubli und Sophia Rudin 2020 im Tessin

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